Wangerooge: Das jüdische Ehepaar Hermann und Martha Levy

von Holger Frerichs, Forschungsstand März 2025

Ehepaar Hermann („Hugo“) Levy und Martha, geborene Heinemann

Hermann (genannt Hugo) Levy wurde am 25. Februar 1885 in Esens geboren. Er war ein Sohn von Hermann Heymann Levy (13.12.1853 Carolinensiel – 10.7.1925 Esens) und dessen Ehefrau Marianne, geborene Heinemann (3.2.1853 Esens – 7.12.1918 Esens). Die Eltern sind auf dem Jüdischen Friedhof in Esens bestattet.
1909 kaufte August Levy[1], ein Bruder von Hermann (Hugo) Levy, auf der Insel Wangerooge ein Grundstück in der Elisabeth-Anna-Straße. Darauf baute er ein Haus mit Fleischerei und Ladengeschäft. Dieses wurde kurz darauf von seinem Bruder Hermann (Hugo) übernommen.

„Israelitisches Familienblatt“, 10. November 1910
„Israelitisches Familienblatt“, 1. Februar 1912.

Hermann (Hugo) Levy heiratete kurz vor Beginn des Ersten Weltkrieges Martha, geborene Heinemann, geboren am 26. Juni 1884 in Herford. Sie war eine Tochter aus der Ehe des Herforder Eisenhändlers Simon Heinemann (12.1.1848 Neufolstenhausen – 9.7.1928 Unglücksfall in Esens) und dessen Ehefrau Mathilde, geborene Stern (Juli 1842 Rüthen – 27.6.1927 Herford). Aus der Ehe von Hermann (Hugo) und Martha Levy entstammten zwei Kinder:

  • Marga Levy, geboren am 18. März 1914 auf Wangerooge;
  • Siegmund Levy, geboren am 26. Januar 1919 auf Wangerooge.
„Jeversches Wochenblatt“, 2. Januar 1926.

Abb.: „Jeversches Wochenblatt“, 2. Januar 1926.

Im Niedersächsischen Landesarchiv Oldenburg (NLA OL) sind nach Beginn der NS-Zeit einige Vorgänge zur Schlachterei von Hermann (Hugo) Levy archiviert.[2]

Entnommen aus Hans-Jürgen Jürgens: Zeugnisse aus unheilvoller Zeit. Ein Kriegstagebuch über die Ereignisse 1939-1945 im Bereich Wangerooge-Spekeroog-Langeoog. S.254.
Ausschnitt aus „Jeversches Wochenblatt“, 6. Februar 2021.

Auszug aus: https://spurensuche-bielefeld.de/spur/das-ehepaar-hermann-und-martha-levy-kein-entkommen/ (letzter Zugriff 14.2.2025).
Hermann (genannt Hugo) Levy wurde am 25. Februar 1885 in der ostfriesischen Kleinstadt Esens, seine spätere Frau Martha, geb. Heinemann, am 26. Juni 1884 in Herford geboren. Beide lebten auf der Insel Wangerooge, wo Hermann Levy als gelernter Schlachtermeister tätig war.

Das Ehepaar hatte eine Tochter, Marga, geboren am 18. März 1914 und einen Sohn, Siegmund, geboren
am 26. April 1919. Hermann und Martha Levy wurden 10. November 1938 von der Gestapo verhaftet und aus Wangerooge
vertrieben. Die Insel war danach „judenfrei“.

Hermann Levy wurde in Schutzhaft genommen und wurde vom 12. November bis zum 15. Dezember 1938 im KZ Sachsenhausen als Zwangsarbeiter ausgebeutet.

Im Januar 1940 ordnete die Gestapo Wilhelmshaven die Ausweisung aller in Ostfriesland lebenden Juden an. Das Ehepaar Levy, das zunächst nach Esens geflüchtet war,[3] zog daraufhin zum Bruder von Martha Levy, Bernhard Heinemann, nach Herford[4] und wurde am 5. März 1940 von dort zwangsweise in das „Judenhaus“ in der Wiesenstraße 13 (heute: Werner-Bock-Straße 13) in Bielefeld eingewiesen.

Bielefeld, Werner-Bock-Straße 13 (vormals Wiesenstraße 13). Foto: Helga Kübler, 2023.

Am 13. Dezember 1941 wurden beide Ehepartner mit dem Transport Münster – Osnabrück – Bielefeld ins von der deutschen Wehrmacht besetzte Riga (Lettland) deportiert.[5] Hermann Levy wurde dort im Januar 1943 ermordet.

Martha Levy, geborene Heinemann, verlegte die SS am 9. August 1944 von Riga noch weiter in das Konzentrationslager Stutthof (34 Kilometer östlich von Danzig im Landkreis Danziger Niederung). Sie verstarb dort am 26. Dezember 1944, entweder an den desaströsen Zuständen im Lager, oder wurde umgebracht. Die offizielle Diagnose laut Sterbeurkunde lautete: „Herz-allgemeine Körperschwäche“. Die amtliche Erklärung des Sonderstandesamtes in Bad Arolsen zu Martha Levy („für tot erklärt“ zum 26. Dezember 1944) datiert von 1958

Auszug aus rekonstruierte Transportliste im „Buch der Erinnerung. Die ins Baltikum deportierten deutschen, österreichischen und tschechoslowakischen Juden“ (Bd. 2, München 2003, S. 723-764).
Meldekarte Hermann Levy, Bielefeld. Darin Vermerk über Mitteilung des Sonderstandesamtes Arolsen von 1958 zu Martha Levy („für tot erklärt“ 26.12.1944). Stadtarchiv Bielefeld, Best. 104,3, Nr. 18: Meldekartei Bielefeld-Mitte.

Dokumente zu Martha Levy, geborene Heinemann, im Konzentrationslager Stutthof

(alle Arolsen Archives, hier nicht zutreffendes Geburtsjahr 1894!):

Einträge im Gedenkbuch Bundesarchiv für Hermann (Hugo) und Martha Levy.
Einträge im Gedenkbuch Bundesarchiv für Hermann (Hugo) und Martha Levy.

Lebenswege der Kinder Marga und Siegmund Levy

Marga Fuld, geborene Levy

Auszug aus: https://spurensuche-bielefeld.de/spur/das-ehepaar-hermann-und-martha-levy-kein-entkommen (letzter Zugriff 14.2.2025).

Marga Levy als Jugendliche.

Mar­ga Levy ar­bei­te­te zu­nächst als Haus­wirt­schaf­te­rin in Hil­des­heim und leb­te ab 1936 im Ha­s­cha­ra-Land­werk Neu­en­dorf und ab dem 2. Juni 1940 im La­ger Pa­der­born als Wirt­schaftslei­te­rin.

Am 5. Juli 1941 wur­den die Ha­s­cha­ra-La­ger auf be­hörd­li­che An­ord­nung auf­ge­löst und in „Jü­di­sches Ar­beits­ein­satz­la­ger Pa­der­born“ um­be­nannt.

Mar­ga Levy hei­ra­te­te dort am 18. März 1942 ih­ren Mann Al­win Fuld. Ihr ge­mein­sa­mer Sohn Dan kam am 22. Juli 1942 zur Welt.

Am 1. März 1943 wur­den alle In­sas­sen des La­gers Pa­der­born von der Ge­sta­po nach Bie­le­feld ge­bracht, nachts in ge­schlos­se­ne Gü­ter­wa­gen ge­pfercht und nach Ausch­witz de­por­tiert.

Mar­ga Fuld und ihr Sohn Dan wur­den ver­mut­lich di­rekt nach der An­kunft in den Gas­kam­mern er­mor­det.

Al­win Fuld wur­de zum Auf­bau des IG-Far­ben-Wer­kes Mo­no­witz ein­ge­setzt und bei der Eva­ku­ie­rung al­ler Ausch­witz-La­ger auf den To­des­marsch nach Glei­witz, dann in das KZ Mit­tel­bau Dora und schließ­lich in das KZ Ber­gen-Bel­sen ge­schickt, wo er im März 1945 ums Le­ben kam.

Für einige Paderborner, darunter auch für Marga’s Ehemann Alwin Fuld, ist der in Auschwitz erstellte „Häftlingspersonalbogen“ erhalten geblieben, aus dem Details zur Person sowie die Daten der Verhaftung in Paderborn (26.2.-1.3.43) und Einlieferung in Auschwitz (3.3.43) hervorgehen.[6]

„Häftlingspersonalbogen“ Auschwitz für Alwin Fuld, Häftlingsnummer 104923. Arolsen Archives.
Einträge im Gedenkbuch Bundesarchiv für Marga Fuld, geborene Levy, und ihren Ehemann Alwin sowie den Sohn Dan.

Siegmund Levy

Sieg­mund Levy hat­te von 1933-1936 eine Schlach­ter­leh­re ab­sol­viert und da­nach mit sei­ner Schwes­ter im Ha­s­cha­ra-Land­werk Neu­en­dorf ge­lebt. Von dort flüch­te­te er 1939 nach Eng­land und konn­te am 22. Au­gust 1947 auf ei­nem ame­ri­ka­ni­schen Ma­ri­ne­trans­por­ter in die USA emi­grie­ren. Von dort aus be­an­trag­te er Wie­der­gut­ma­chung. Er starb am 3. Juli 2004 in Stock­ton/ Ka­li­for­ni­en.

Ausschnitt aus: Hans-Jürgen Jürgens: Zeugnisse aus unheilvoller Zeit. Ein Kriegstagebuch über die Ereignisse 1939-1945 im Bereich Wangerooge-Spekeroog-Langeoog. S.24/25.

Erinnerung: „Stolpersteine“ auf Wangerooge (Mai 2011)

Für Her­mann und Mar­tha Levy so­wie für ihre Kin­der Mar­ga und Sieg­mund wur­den im Mai 2011 auf Wan­ge­roo­ge Stol­per­stei­ne ver­legt.

Bericht in „Nordwest-Zeitung, Jeverland-Bote“, 23. Mai 2011.
Bericht in „Jeversches Wochenblatt“, 24. Mai 2011.

Auszug aus:

84 Jahre nach der Reichspogromnacht reinigt Wolfgang Böhm aus Hamburg zum Gedenken an die von den Nationalsozialisten von der Insel vertriebenen Familie Levi, deren Stolpersteine auf Wangerooge

https://wangerooge-aktuell.de/leute/09-11-2022-84-jahre-nachdem-martha-und-hermann-levy-in-der-reichspogromnacht-durch/ (letzter Zugriff 14.2.2025).

(…). Wie kam es zu den Stolpersteinen auf Wangerooge?

Im Jahre 2007 war die Klasse 10a der Inselschule Wangerooge mit der Religionspädagogin Tina v. Pentz auf Abschlussfahrt in Berlin. Als Schwerpunktthema der Fahrt stand das Leben jüdischer Bürger in Berlin der Vergangenheit und der Gegenwart im Mittelpunkt.

Auf den Spuren dieser Thematik besichtigten die Schülerinnen und Schüler unter anderem das Jüdische Museum und das Holocaust Denkmal im Herzen Berlins.

Während einer Stadtführung durch die Viertel in Berlin, welche einstmals von einer Vielzahl jüdischer Bürger bewohnt wurden, stießen sie auf die Stolpersteine von Gunter Demnig.

Die Steine tragen zum einen das Geburtsdatum, wie auch das Deportationsdatum und zum anderen den Namen der betroffenen Person.

Eigentlich werden sie vor dem Haus verlegt in dem die Menschen gewohnt haben, damit Passanten beim Vorübergehen über die Steine stolpern und vor sich das Haus der ehemaligen Bewohner sehen.

Auf diesem Weg schenkt jeder der über die Steine stolpert den Opfern des Holocaust einen Augenblick stillen Gedenkens.

Die Steine weckten das Interesse der Schüler/Innen der Geschichte jüdischer Bürger in der Nazizeit auf Wangerooge nachzugehen, ob es auf der Insel auch jüdische Bürger gab, welche im Zuge des Nationalsozialismus deportiert wurden.

Bei ihren Recherchen auf der Insel, unter anderem auch durch Gesprächen mit Zeitzeugen, erhielten sie die Information, dass es auch auf Wangerooge eine Familie gab, die dem Holocaust zum Opfer gefallen war.

Die Verlegung der Stolpersteine zum Gedenken an diese Familie Levy sollte das Abschlussprojekt der Klasse auf der Insel werden.

Doch mit der Verlegung der Steine direkt vor dem Haus, in dem ehemals die Familie Levy wohnte, tat sich der Rat der Inselgemeinde Wangerooge (das Jeversche Wochenblatt berichtete) schwer. Nach vielem hin und her wurde schließlich der Kompromiss gefunden, die Stolpersteine im Kreuzungsbereich der Elisabeth-Anna-Straße / Zedeliusstraße zu verlegen.

Da der Künstler Gunter Demnig aber nicht nur die Steine auf Wangerooge zu verlegen hatte, dauerte es bis zum Mai 2011, dass das Projekt der Abgangsklasse zu Ende gebracht werden konnte.

Stolpersteine für die Familie Levy, Wangerooge.

Abb.: Stolpersteine für die Familie Levy, Wangerooge.


Endnoten

  • 1) August Arthur Levy, geboren am 21. August 1887 in Carolinensiel. Er war verheiratet mit Helene Heinemann, der Schwester von Martha, geboren am 1. September 1885 in Herford.
  • 2) Best. 231-3, Nr. 461: Meldung über Preissteigerungen für Fleisch, u.a. bei dem jüdischen Schlachter Hermann Levy auf Wangerooge mit Hinweis auf dessen Lieferungen an die Militärverwaltung (Fasz. 109-3, Laufzeit 1935).
    Best. 231-3, Nr. 571: Pachtung des Betriebes des jüdischen Schlachters Hermann Hugo Levy durch den Schlachtermeister Martin Drees (Laufzeit 1936).
    Bestand 231-3, Nr. 464: Untersuchung gegen den jüdischen Schlachter Hugo (Hermann) Levy (Wangerooge) in Zusammenhang mit dem Verkauf von koscherem Fett, bezogen vom jüdischen Schlachter Johann Löwenstern in Herford (Fasz. 138, Laufzeit 1937-1939).
  • 3) Sie waren dort bei der Volkszählung vom 17. Mai 1939 bei Arthur und Helene Levy gemeldet.
  • 4) Anschrift in Herford: Holland Nr. 19.
  • 5) Gemeinsam mit Arthur und Helene Levy.
  • 6) Vgl. auch https://www.statistik-des-holocaust.de/list_ger_wfn_43a.html (letzter Zugriff 19.2.2025).