04.01.2019

Rückblick auf das Jahr 2018


Im Mittelpunkt des Jahres 2018 stand die feierliche und sehr gut besuchte Wiedereröffnung des GröschlerHauses nach neunmonatiger Umbau- und Renovierungsphase am 15. April. Zum Festakt waren auch Angehörige von jüdischen Familien aus dem Ausland angereist, er fand seinen symbolischen Höhepunkt in der Anbringung der Mezuzah von Frank Gale an der Eingangstür durch Familienangehörige. Der Sohn des letzten Vorstehers der Synagogengemeinde  war 1938 als Fritz Gröschler in einem Kindertransport von Jever nach England entkommen. Seine Eltern wurden 1944 in Auschwitz ermordet, Frank Gale starb 1998 in Northampton.

Die Familie Gale aus England beim Anbringen einer Mezuzah an der Tür des wieder eröffneten GröschlerHauses, 15. April 2018. Die Kapsel mit dem enthaltenen Segensspruch stammt aus dem Haus des 1998 in England verstorbenen Frank Gale, der in Jever aufwuchs und 1938 den Nazis entkommen konnte.

Die Familie Gale aus England beim Anbringen einer Mezuzah an der Tür des wieder eröffneten GröschlerHauses, 15. April 2018. Die Kapsel mit dem enthaltenen Segensspruch stammt aus dem Haus des 1998 in England verstorbenen Frank Gale, der in Jever aufwuchs und 1938 den Nazis entkommen konnte.

Auch im weiteren Verlauf des Jahres besuchten Nachkommen jeverscher Juden die Marienstadt auf den Spuren ihrer Vorfahren, sie kamen aus den Niederlanden, England, Israel, den USA und Australien und wurden von den Mitgliedern des ehrenamtlichen Arbeitskreises GröschlerHaus betreut. Im August 2018 ging eine Ära zu Ende. Mit Prof. Dr. Rolf Sternberg, der 1926 in der Schlosserstraße geboren wurde, starb in New York der letzte der Juden aus Jever, die dem Holocaust ins rettende Ausland entkommen konnten. Verschiedene Zeitungen veröffentlichten den Nachruf auf den international bekannten Erforscher der Wasserkraftgewinnung in Südamerika, der seit seinem ersten Besuch in Jever 1984 hier neue Freunde gefunden hatte.

Durch persönliche Kontakte fanden auch weiterhin wichtige Fotos und Dokumente ihren Weg in das Archiv des Zeitgeschichtszentrums. Die Kontaktaufnahme  kam häufig über die Internetzeitschrift groeschlerhaus.eu des Arbeitskreises zustande. Die Mitarbeiter beantworteten außerdem zahlreiche Anfragen aus dem In- und Ausland. 2019 nutzten 33.000 Besucher mit 96.000 Aufrufen die Seite, eine vergleichsweise stattliche Bilanz. Das Portal erinnerungsorte-friesland.de, das mit der Internetzeitschrift eng verbunden ist, wurde auf Veranlassung von Dr. Antje Sander mit Mitteln der Initiative Erinnerungsorte Friesland neu gestaltet. Es bietet auf einer interaktiven Landkarte Frieslands eine Übersicht über alle Erinnerungsorte, diese sind mit den rund 100 Informationsartikeln zur Landesgeschichte auf groeschlerhaus.eu verlinkt.

Ebenfalls am 15. April wurde die von Hartmut Peters in Zusammenarbeit mit Dr. Antje Sander konzipierte, von Andreas Reiberg gestaltete und vom Zweckverband Schlossmuseum geförderte Ausstellung „80 Jahre nach dem NS-Pogrom – die Synagoge von Jever und ihre Zerstörung im Jahre 1938“ eröffnet. Sie wurde kürzlich wegen des großen Interesses, gerade auch in der Folge des Erinnerungsjahrs 2018, bis Herbst 2019 verlänger. Als Besonderheiten sind hier auch die beim Umbau gefundenen Reste vom Brand der Synagoge ausgestellt.

Bis Ende Januar 2019 wird außerdem in der ehemaligen jüdischen Schule am GröschlerHaus die vom Linguisten Dr. Klaus Siewert erarbeitete Sonderausstellung  „Jever und die Berufssprache der Viehhändler“ präsentiert. Bisher haben rund 1.100 Besucher die beiden Ausstellungen besucht, darunter auch eine Reihe Schulklassen sowie weitere Besuchergruppen aus dem kulturellen und politischen Leben der Region. Die Führungen erfolgen durch die Mitglieder des Arbeitskreises. Volker Landig und Uta Esselborn boten 2018 erneut auch Führungen über den jüdischen Friedhof und durch Jever an.

Unter den Veranstaltungen des Jahres ragt das „Grenzenlos-Festival 2018“ heraus, das am 1. September openair bei der Gastsstätte „Waldschlösschen“ stattfand. Die Kulturveranstaltung am Weltfriedenstag mit gleich sechs Bands warb für eine offene Gesellschaft und zog  rund 500 Besucher an. Im Organisationsteam wirkten u.a. die Integrationslotsen Jever und das Jugendparlament Friesland mit. Überhaupt baute das GröschlerHaus 2018 sein Netzwerk aus, schloss einen förmlichen Kooperationsvertrag mit dem Freundeskreis der Sinti und Roma in Oldenburg e.V., wirkte bei einer öffentlichen Tagung des Netzwerks „Reise durch das jüdische Ostfriesland“ in Aurich zum Pogrom 1938 mit und kooperierte u.a. wie schon in den Jahren zuvor mit den Kinofreunden Friesland e.V. in der Reihe „Der besondere Film“. Im November wurde das GröschlerHaus  als außerschulischer Lernort im Verbund der 15 Lernorte in der „Bildungslandschaft Landkreis Friesland“ anerkannt. Damit können jetzt auch Fahrten von Schulklassen zum GröschlerHaus finanziell gefördert werden.

Mehrfach konnte das Team des GröschlerHauses befreundete  Initiativen durch wissenschaftliche Recherchen, Textformulierungen und Kontakte unterstützen, wie z.B. bei der Errichtung der Gedenkstele für die 1943 aus Zetel nach Auschwitz deportierten Sinti im März 2018 oder bei der Einweihung von Gedenktafeln in Schortens, Neustadtgödens und Horsten.  Im Oktober erhielt der Arbeitskreis GröschlerHaus den „Engagementspreis gegen das Vergessen“ der AWO Weser-Ems zuerkannt. Überregional bekannt wurde die Erinnerungsarbeit in Jever auch durch einen TV-Beitrag in der NDR-Sendereihe „DAS!“ über das Versteck der Familie Hirche auf dem Dachboden des „Concerthauses“ am Alten Markt.

Die Reihe „Schriften zur Geschichte des Nationalsozialismus und der Juden im Landkreis Friesland“ wurde 2018 mit gleich drei Publikationen weitergeführt. Die Broschüre mit gefalteter Stadtkarte „Jüdisches  Jever – ein historischer Stadtrundgang“ fand auch bei Touristen Anklang. Hans-Jürgen Klitsch und Hedda Esselborn übersetzten sie ins Englische bzw. Niederländische.  In „Die Synagoge von Jever, der Pogrom von 1938 und der lange Weg der Erinnerungen“ fasst Hartmut Peters die Ergebnisse seiner Forschungen zu den genannten Themen zusammen. Holger Frerichs legte die „Geschichte der Familie Schwabe-Barlewin aus Varel“ vor.

Im April startete der Arbeitskreis ein spezielles „Baustein“-Projekt, um die Mittel für eine virtuelle Rekonstruktion der 1938 zerstörten Synagoge Jevers aufzubringen. Für 25.-- €  erhält der Spender einen der 1.000 nummerierten roten Klinker mit der eingeprägten Silhouette der Synagoge. Sie wurden mit Unterstützung der Bockhorner Klinkerziegelei Uhlhorn und des Keramikmeisters Acki Jürgens gebrannt. Bisher fanden allerdings nur 130 der attraktiven Steine ihren Weg z.B. auf die Schreibtische der Förderer dieses Projekts, das also auch 2019 noch weitergeführt wird.

Die „Bausteine“ für die virtuelle Rekonstruktion der jeverschen Synagoge

Die „Bausteine“ für die virtuelle Rekonstruktion der jeverschen Synagoge

Zum 1. September plant der Arbeitskreis GröschlerHaus zusammen mit dem Schlossmuseum eine Ausstellung über die regionalen Kriegsplanungen für den Zweiten Weltkrieg, den Krieg selbst und seine Folgen. Anlässe sind der 80. Jahrestag des Überfalls auf Polen am 1. September und der 75. Jahrestag des Kriegsendes im Mai des kommenden Jahres.

Das GröschlerHaus in der Gr. Wasserpfortstraße 19, Jever, ist regelmäßig geöffnet Dienstag und Freitag von 10 bis 12 Uhr und Donnerstag von 16 bis 18:30 Uhr. Weitere Öffnungszeiten und Führungen für Gruppen können über 04461-964426 oder info@groeschlerhaus.eu vereinbart werden. Weitere Informationen über groeschlerhaus.eu sowie erinnerungsorte-friesland.de.



Mit freundlichen Grüßen,
Hartmut Peters
(Redaktion von groeschlerhaus.eu)


GröschlerHaus - Zentrum für Jüdische Geschichte und Zeitgeschichte von Friesland - im Jeverländischen Altertums- und Heimatverein e.V. Jever